Der Hagenweg

Nun, da bin ich wohl eine Erklärung schuldig. Den Lesemarathon beendete ich, wie man sehen kann, nicht. Ich fing ja nicht mal richtig an. Das lag an einem Farbrattennotfall in Göttingen. Ausschweifen möchte ich nicht. Wenn gewünscht kann man das hier nachlesen und Fotos gucken.

Mich verschlug es in den Hagenweg 20. Wie ich feststellen musste, ein weit bekannter Ort in Göttingen und durch zahlreiche Google-Ergebnisse wohl auch deutschlandweit. Hurenforum, taz, private Blogs, sogar das Fernsehen berichten über den Hagenweg 20.

Ich packe mir also zwei Freunde samt Equipment ein. Aufgeregt. Sehr! – Einleiten möchte ich meinen Artikel mit einem Zitat aus der taz:

[…] Polizei, Krankenwagen, Entrümpelung, Schutz vor Seuchengefahr. Im Hagenweg 20, das war die einzige Chance, hatte sie eine neue Wohnung für Wilma B. Hierhin, in Wohnungen mit von Kakerlakenautobahnen durchzogenen Wänden, kann man niemanden ruhigen Gewissens bringen: Alkohol pur, über 165 Einzimmerapartments, deren Eigentümer sich einen Dreck um die Instandhaltung kümmern. Zur eigenen Altersvorsorge gedacht, entpuppten sich die schicken Studentenappartements als verwohnte Aufbewahrungsschachteln für soziale Problemfälle – renovieren lohnt sich hier nicht mehr. […] Hagenweg 20: Die Fußmatte im Eingangsbereich ist getränkt von Urin, große Blutlachen schimmern in der Morgensonne auf dem Parkplatz vor dem fünfstöckigen Betonklotz. Alle Wohnungen haben einen Balkon, in den Flachbau nebenan sollte mal ein Schwimmbad hinein. Im Volksmund heißt das bunkerartige Haus „Schlüpferburg“.

Da standen wir. Ich war überfordert, wollte es aber so gut es geht hinter mich bringen. Wir mussten in das oberste Stockwerk direkt unter das Dach. Die Flure waren dunkel, das Treppenhaus baufällig, die Fensterscheiben kaputt. Es stank. Es war heiß. Es klebte überall. In der winzigen Wohnung angekommen, konnten wir uns vor Enge nur schwer um die eigene Achse drehen. Der Geruch hier war noch erbärmlicher. Die Wohnung komplett zugemüllt. Schimmel, Insekten, Müll, Flüssigkeiten.

Im Eingangsbereich begrüßte uns ein Foto von Eva Braun. Über einem der winzigen Rattenknäste stand eine Naziparole geschrieben. Ungezieferfallen, Gift und Stromkabel waren überall verteilt. Für die freilaufenden Farbratten in der Wohnung der mögliche Tod. Als erstes kümmerten wir uns um eine frischgebackene Mutter-Ratte und ihre 9 Babys, die erst knapp über 24 Stunden alt waren. Auch hier natürlich alles verdreckt wie in der restlichen Wohnung auch. Generell kann man sagen, dass es zu viele Eindrücke waren um sie hier knapp verarbeitet festzuhalten. […] Vier junge Rattenböcke saßen in einem anderen Winz-Käfig. Und dann war da noch der Paparatz, der sich in der Wohnung versteckt aufhielt. In einem Schrank, welcher gleichzeitig Spüle, Herd und Backofen war. Wir hatten viele Mühen ihn in der Enge und in diesem Dreck zu fangen. Aber es gelang uns, auch wenn wir in so manch‘ fragwürdige Flüssigkeit dabei fassen mussten.

Alle Tiere eingepackt, desinfizierten wir unsere Hände erstmal gründlich. Merken: Ab sofort immer Desinfektionsmittel mitbringen.

Ich habe das meiste nicht erwähnt, auch weil es einfach zu viel war und ich immer noch am Verarbeiten bin, aber ich möchte dieses Erlebnis auf keinen Fall vergessen. Mir wird diese Erinnerung immer dabei helfen, an die Menschen zu denken, denen es noch übler geht und die keine Hilfe bekommen. Es ist unfassbar, dass die Stadt Göttingen nichts unternimmt.

Kommentare (13)

  1. Gott, wenn ich das so lese, weiss ich, warum unsere Cookie, die wohl aus ähnichen Verhältnissen stammt, so verstört ist. >__< (Aber nach Jahren bei uns hat sie sich etwas "beruhigt" und tötet einen schon nicht mehr sofort, wenn man den Käfig aufmacht. XD)

    • Ich muss sagen, auch wenn der eine Rattenmann, als ich da im Siff auf dem Boden hing um ihn aus der Küchenzeile zu holen, mich richtig schön tackern wollte, sind alle Ratten die wir rausgeholt haben sehr umgänglich. War selbst ganz überrascht. Der Typ scheint sich zumindest mit ihnen beschäftigt zu haben, wenngleich sie auch katastrophal leben mussten.
      Bin immer noch ziemlich geflasht, muss ich sagen. 😀

  2. Und du hast einfach keine Bilder von dem „Mitten im Leben“ Haus gemacht. Zu gerne hätte ich auch gesehn wie es da drin ausschaut. Okay ich bin etwas sensationsgeil…aber ich steh dazu. Aber schön das es ein quasi Happy End gab.

    • Es war darin so eng, eklig, brutal und erstickend, dass ich ganz andere Sachen im Kopf hat als Fotos zu machen. ^^

  3. Ich habe alleine durch deine Schilderungen hier und bei der Rattenhilfe schon Gänsehaut und den Geruch förmlich in der Nase.
    Gut, dass es Menschen wie dich gibt.

  4. Krass. Echt krass. Und sehr bewundernswert, dass du das durchgezogen hast. Ganz ehrlich.

  5. Schlimm… mir tun nicht nur die Ratten leid, die dort leben mussten. Diese Person hätte wirklich Hilfe gebraucht. :-/
    Aber ich bin immer wieder froh von Menschen wie dir zu hören, die auch ohne Probleme helfen können. Den Ratten wird es nun sicher gut gehen!

    • Danke, Raine.
      Ja, die Menschen die dort leben müssen, gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Könnte jetzt ganze Romane darüber füllen. Bin sehr nachdenklich. :/

  6. zu heftig =O gut, dass ihr die Ratten da heraus geholt habt!

  7. Ich fand am schlimmsten, daß unten am Eingang ein Kinderbuggy stand…

  8. Boah heftig… *kopfschüttel*

  9. Toll,dass es Menschen wie Dich gibt.Wenn Alisa dich demnächst besucht,werde ich Dir auf jeden Fall ein (meinen Verhältnissen entsprechendes :-)) Hilfepaket zukommen lassen

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